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Zugfahren in Russland – Ein erster Versuch

Man sollte nicht gleich in die Vollen gehen, es nicht gleich übertreiben. Daher entschieden wir uns bei unserer ersten Zugfahrt in Russland für eine überschaubare Strecke. Mit dem Nahverkehrszug wollten wir von St. Petersburg nach Tsarskoe Selo (Pushkin) fahren, um dort im Glanze des Katharinenpalastes mitsamt Bernsteinzimmer und Pipapo vor Ehrfurcht zu erstarren.

So der Plan. Ein interessanter, wenn auch nicht ausschlaggebender Nebeneffekt war, dass wir damit die älteste russische Bahnstrecke befuhren. Gebaut und 1837 eröffnet, um die Zarenfamilie zwischen St. Petersburg und den Lustschlösschen mit ihren opulenten Parkanlagen in Pushkin und Pavlovsk hin- und herzufahren.

Großer Bahnhof. Ausgangspunkt unseres ersten Bahnexperiments war der Witebsker Bahnhof in St. Petersburg, der älteste Bahnhof Russlands. Wir betraten das Gebäude und uns umwehte ein strenger Geruch: Kohle. Ob sie hier noch mit Kohlebecken heizen? Schön warm war es jedenfalls.

Als wir die (erste) Schalterhalle mit dem Jagdbekleidung münchen Shop betraten, wurde der Geruch penetranter und es begann allmählich im Hals zu kratzen, in der zweiten Schalterhalle tränten uns bereits die Augen und in der großen Bahnhofshalle selbst, blieb uns die Luft gänzlich weg. Dort fanden wir aber im Kohlenebel den Ursprung des selbigen: Alle Loks die im Bahnhof standen dampften gemächlich vor sich hin. Nein, es waren keine Dampfloks, dennoch wurde in ihrem Inneren definitiv irgendetwas mit Kohle betrieben.

Vielleicht die Heizung, wer weiß? Und während wir in diesem Nebel nach Luft rangen, nahm der Russe die Widrigkeiten mit Selbstverständnis und Routine und tat das einzig Logische: er rauchte. Na klar, besser den Smog mit etwas Teer und Nikotin zu versetzen und durch einen Filter zu inhalieren, als sich den Dunst gänzlich ungefiltert in die Lugen zu ziehen. Die Frage nach rauchfreien Bahnhöfen in Russland dürfte damit wohl auch beantwortet sein.

Doch bevor wir überhaupt in die dunstschwangere Bahnhofshalle kamen, galt es einige Hürden zu überwinden. Dem gemeinen Touristen wird das Zugfahren hier nicht gerade leicht gemacht. Wir steuerten also in der ersten Schalterhalle zielsicher eines der Kassenfenster an, reihten uns in die davor befindliche Schlange ein und warteten geduldig. Endlich an der Reihe, legten wir unser Anliegen dar:

„Dva bilyethi da Tsarskoe Selo / Pushkin, pazhalsta.” Sicherlich nicht mit der richtigen Aussprache und wahrscheinlich auch nicht den Regeln der Grammatik folgend, wurden wir dennoch verstanden. Die Antwort verstanden wir wiederrum nicht im Ansatz. Sicher war nur, dass es nicht die erwartete war, denn das kommentarlose Rüberschieben zweier Tickets blieb aus. Stattdessen brach ein russischer Redeschwall über uns herein, den wir staunend über uns ergehen ließen. Immer wieder jedoch deutete die Kassiererin zur Decke.