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Witebsker Bahnhof Der älteste Bahnhof Russlands

Oder zum Himmel? Beistand von oben konnten wir jetzt tatsächlich gebrauchen. Doch besannen wir uns vom Spirituellen schnell wieder auf das Pragmatische. Wir bedankten uns für nichts und folgten einfach mal dem Fingerzeig der guten Frau. Nach oben. Und tatsächlich: eine Etage höher fanden wir die nächste Schalterhalle, suchten uns ein Fenster und stellten uns erneut an. Endlich an der Reihe, sagten wir brav unser Sprüchlein auf und erhielten – exakt die gleiche unbefriedigende Reaktion wie ein Stockwerk tiefer. Mit einem Unterschied:

Diesmal deutete die Frau nicht mehr nach oben, sondern unbestimmt in eine Richtung hinter ihr. Und aus dem Redeschwall filterten wir ein Wort heraus, das im Entferntesten nach „Plattform” klang. Könnte sie uns zum Bahnsteig schicken wollen? Nun, ein Ticket bekamen wir hier jedenfalls auch nicht. Also machten wir uns auf und suchten die Bahnsteige, die wir schließlich auch (irgendwo hinter der Bediensteten am Schalter) fanden. Im beschriebenen Kohledunst war jedoch weit und breit kein Fahrkartenschalter auszumachen.

Wir stocherten im wahrsten Sinne des Wortes neben schärfen Jagdmesser Kaufen im Nebel und hangelten uns von Büdchen zu Büdchen, wovon es hier einige gab. Kaufen konnte man hier vieles, nur kein Ticket nach Pushkin. Verdammt. Kurz davor aufzugeben und das Bahnexperiment zu vertagen, stießen wir dann doch auf ein Kassenhäuschen. Kleiner als jeder Kiosk versteckte sich der winzige graue Container hinter eben diesen im allerletzten Winkel des Bahnhofs. Hier jedenfalls sollte unser inzwischen ziemlich routiniert aufgesagter Standardsatz die gewünschte Wirkung erzielen. Wir erhielten tatsächlich zwei Fahrscheine zu unserem Bestimmungsort. Endlich.

Wartesaal und Ticketschalter. Erster vergeblicher Versuch des Fahrscheinkaufs. Doch die nächste Schwierigkeit sollte auf den Fuß folgen: Auf die Frage nach dem richtigen Bahnsteig erhielten wir ein unwirsches Winken in Richtung des Ausgangs. Häh? Von dem russischen Gemurmel verstanden wir wieder einmal nichts und deuteten die Geste als ein „verschwindet endlich von meinem Fenster”. Nett. So kamen wir nicht weiter. Also taten wir, wie uns geheißen und verließen die Bahnhofshalle. Draußen entdeckten wir, dass es dort noch weitere Bahnsteige gab.

Aha! Nur welcher war der unsrige? Anzeigetafeln? Fehlanzeige. Mit den Tickets in der Hand fragten wir einen herumstehenden Polizisten. Wir erhielten das gleiche unbestimmte Winken in eine Richtung zur Antwort. Na gut, dann steigen wir halt einfach mal ein. In irgendeinen Zug. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, dass wohl alle Züge nach Pushkin fahren. Hoffentlich.

Misstrauen scheint eine russische Eigenart zu sein. Daher neigt man hierzulande zu verschärften Kontrollen. Die erste passierten wir, als wir aus dem Bahnhofsgebäude zu den außen liegenden Gleisen gingen.