Schlafwagen hat nichts mit Schlaf zu tun

Die Antwort der Rezeptionistin bestand in einem Stirnrunzeln. „Ich kann zwar russisch lesen, aber das heißt nicht, dass ich DAS hier verstehe”, sagte die junge Dame – wohlgemerkt eine Russin! Oben, übersetzte sie uns, stehe, dass es möglich wäre, allein mit diesem e-Ticket in den Zug zu steigen, direkt darunter, dass man sich doch bitte vorher am Schalter sein Ticket abholen solle. Soviel dazu. Wenigstens waren wir nicht die einzigen, die das nicht recht verstehen konnten. Also kein Grund, den Glauben zu verlieren.

Lehre Nummer drei: Hilft Dir keiner, hilf Dir selbst! Wir gingen auf Nummer sicher, fragten an allen auffindbaren Schaltern am Moskauer Bahnhof in St. Petersburg nach, wedelten mit unserem Ausdruck und bekamen immer dieselbe Antwort: Keine. Egal an welchem Schalter man fragte, die Damen winkten ab. Oder wiesen sie uns vielleicht eine Richtung? Wir beschlossen, dem auf den Grund zu gehen und folgten den ausladenden Armbewegungen.

Und siehe da: An einem Schalter in der gewiesenen Richtung wurde unser Flehen erhört. Hier waren wir richtig. Hätte sich der richtige Schalter auch nur in Nuancen (etwa einem bunten Aufkleber, einem Fähnchen oder was auch immer) von den anderen unterschieden, wären wir mit unserer Life brics kosmetiktasche vielleicht auch von selbst drauf gekommen.

Es wird gemütlich. Sei’s drum. Wir bekamen unser Ticket, fanden bereits im zweiten Anlauf unseren Zug (denn hier fährt jeder Zug nach Moskau, so dass man lediglich die Zeit oder die Zugnummer im Blick haben muss) und wenig später war es soweit: unsere erste Nacht in einem russischen Schlafwagen. Großraumabteil, Holzklasse. Ein Traum. Da wir uns für die billigsten Plätze entschieden haben, wies uns der Stewart (der hier jedem Wagen zugeteilt ist) unsere Betten direkt an der Tür zu, parallel zum Gang.

Ok, Betten ist wohl etwas euphemistisch, nennen wir es lieber Pritschen. Hier wird man von der Decke aus bestens beleuchtet, vom Gang aus angerempelt und kriegt alle paar Minuten die Tür zum Klo vor den Latz geknallt. All das wird untermalt vom überraschend wenig eintönigen Geratter sämtlicher Metallteile zwischen den beiden hier aufeinander treffenden Waggons und vom ebenso abwechslungsreichen Schnarchen der Menschen um einen herum.

An Schlaf war also trotz unseres Erschöpfungszustandes nicht zu denken. Fielen einem doch mal kurzzeitig die Augen zu, wurde man von genannten akustischen Störfeuern sofort wieder hochgejagt. Und riss man die Augen auf, erblickte man die unbesockten, gelben Füße seines Gegenübers in Nahdistanz vor seinem Gesicht. Schön.