Freunde machen in Russland

„Wenn Du telefonieren willst, geh raus. Hier pennen Leute. Du hast beim einschlafen gestört, Du hast beim durchschlafen gestört und jetzt störst Du das ausschlafen. Geh. Bitte. Raus!” Er schaute mich an, wie ein Pudel, dem man nicht böse sein kann. Ich hasse ihn. Dieser Rehblick, der irgendein tief verwurzeltes Reiz-Reaktions-Schema auslöst, als sei ich seine Mama. Aber ich wollte kein Mitleid und keine Zuneigung empfinden, ich war kurz davor Blut sehen zu wollen. Man kann mich ja gerne stören und nerven. Aber wehe dem, der mich aufweckt!

Dornröschen faselte etwas Entschuldigendes, legte auf, räumte noch ein paar Minuten rum und verschwand. Während ich durch Adrenalin effektiv am wieder einschlafen gehindert wurde. Die Nacht war rum. Ich duschte, zog mich an und ging in die Küche, um mir Tee zuzubereiten. Wen fand ich? Klar, oder? Dornröschen! Ich fragte ihn, ob er keinen Kopfschmerz habe. „Doch, doch”, sprach er und kicherte erfreut. „Headake!”, stolz wie Bolle, dass er das Wort kannte. „You know, I drank a little last night”. „Ach nee, sag an”. Ein kleines bisschen hat er getrunken, welch feiste Lüge. „Do you want a drink?” Ob ich WAS will?

Ich verstand erst nicht, er konnte mir doch nicht ernsthaft einen Drink anbieten. Dann sah ich auf den Tisch an dem er saß. Vor ihm ein Teller mit Pflaumen und eine Flasche Vodka. Nein! Ich war fassungslos. „Nein danke, auf keinen Fall” So was hab ich auch noch nicht erlebt. Diese Motivation, diese Hingabe beim Versuch sich zugrunde zu richten. Hut ab, Dornröschen, mach weiter so, das schaffst Du. Ich ließ ihn mit seinem Luis Steindl kurzmantel in der Küche sitzen und setzte mich in den Aufenthaltsraum.

Kurz später wurde er vom Personal gebeten, doch nicht um halb elf Uhr früh schon so viel zu trinken. Er gehorchte. Man kann ja sagen was man will, aber Dornröschen ist kein Hooligan. Als ich ihn zuletzt sah, lag er wieder angezogen und mit Schuhen in seinem Bett und schnarchte vor sich hin.

Aber Peer lässt sich nicht unterkriegen, er hält dagegen. Als einer der sechs Orchestermitglieder der Nacht hat er den Part der rachitischen Oboe übernommen, während Dornröschen zweistimmig den Dudelsack und die spasmische Rassel mit Inbrunst betreibt.
In der Ecke liegt Balu der Bär, eine Hand hinter dem Kopf, die andere im Schritt und stöhnt den Breakbeat.

… das erinnert mich doch an die Nacht im Hostel in New York als ein sturzbetrunkener Engländer vergessen hatte, in welcher Ecke das Klo war und auf die inbrünstig vorgetragene Frage “What the F.. are you doing!?!?” mit Seelenruhe antwortete “Hey I am just taking a Piss!!” Ich lag in den Doppelstockbetten zum Glück in der oberen Etage und Schnarcher waren auch dabei. Die Welt ist doch überall gleich.