Urlaub in Moskau

Es schien, als wären sie eher die Nacht lang im Aufenthaltsraum im Kreise gegangen, als Dornröschen mal anzusprechen. Hier möchte ich nicht besoffen im Straßengraben liegen. Oder in einer Hosteltoilette. Es könnte das Ende bedeuten, denn Hilfe scheine ich nicht erwarten zu können.

Die Zeit, bis wir zu Bett gingen, dehnten wir noch etwas aus, denn es war klar, dass die Nacht Unheil bringen würde. Erst lange nach Mitternacht gingen wir ins Bett. Es ist schwer in Worte zu fassen, was in dieser Nacht in unserem Schlafsaal geschah. Ein Konzert? Ein Wettstreit? Eher eine Art Orchester.

Ich lag in meinem Bett, zählte die Schnarchgeräusche, die ich voneinander unterscheiden konnte und kam leicht auf vier. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich sechs unterscheiden. Ich holte mein Diktiergerät und zeichnete das auf. Wofür auch immer. Damit man mir glaubt, damit ich es nicht vergesse, ich weiß es selber nicht. Meine Ohropax, bisher treue Freunde, versagten kläglich. Und dann wachte Dornröschen wieder auf.

Warum stoße ich mir des nächstens eigentlich die Zehen beim Versuch ohne Licht die Toilette zu finden, damit meine Mitbewohner nicht aufwachen? Aufstehen, Licht an, aufs Klo, fertig. Natürlich ohne das Licht im Schlafraum zu löschen, wenn man auf der Schüssel hockt. Bzw. davor mit Higmoor damenschuhe steht, dem Geräusch nach zu urteilen.

Ich ließ meine Höflichkeit hinter mir uns raunzte ihn an, dass er gefälligst das Licht ausmachen solle. Er grummelte irgend etwas vor sich hin, gehorchte aber brav. Dafür rempelte er alles auf dem Weg zurück in sein Bett an, welches am gegenüber liegenden Ende des Zimmers lag. Da das aber keinen zu stören schien, das Orchester ging auch mit einem Instrument weniger unvermittelt und harmonisch weiter, sollte es mir recht sein.

Irgendwann schlief ich. Es muss gegen fünf gewesen sein. Um acht Uhr früh klingelte ein Wecker. Lange. Lange und nervig, mit einer sehr einprägsamen Melodie. Ich zog mir die Decke über den Kopf und stieß leise Verwünschungen aus. Als um zehn Uhr früh derselbe Wecker wieder schellte, war für mich die Nacht um. Gar nicht mal so sehr wegen des elektronischen Lärms, sondern wegen des darauffolgenden Gesprächs in akustisch völlig befreitem Russisch.

Kein Hauch von Zurückhaltung oder gar Flüstern. Von wegen Wecker, erkannte ich, das war ein Handy! Zog die Decke weg, setzte mich auf und sah: Dornröschen saß in den selben Klamotten wie am Abend zuvor, die Hose züchtig mit Gürtel um die Hüfte gesichert, auf seinem Bett und telefonierte. Ich stieg aus dem Bett, stellte mich vor ihn hin und bekam meine Wut nur schwer unter Kontrolle. „Alter!”, läutete ich meine Argumentation ein.