Monthly Archives: February 2015

Freunde machen in Russland

„Wenn Du telefonieren willst, geh raus. Hier pennen Leute. Du hast beim einschlafen gestört, Du hast beim durchschlafen gestört und jetzt störst Du das ausschlafen. Geh. Bitte. Raus!” Er schaute mich an, wie ein Pudel, dem man nicht böse sein kann. Ich hasse ihn. Dieser Rehblick, der irgendein tief verwurzeltes Reiz-Reaktions-Schema auslöst, als sei ich seine Mama. Aber ich wollte kein Mitleid und keine Zuneigung empfinden, ich war kurz davor Blut sehen zu wollen. Man kann mich ja gerne stören und nerven. Aber wehe dem, der mich aufweckt!

Dornröschen faselte etwas Entschuldigendes, legte auf, räumte noch ein paar Minuten rum und verschwand. Während ich durch Adrenalin effektiv am wieder einschlafen gehindert wurde. Die Nacht war rum. Ich duschte, zog mich an und ging in die Küche, um mir Tee zuzubereiten. Wen fand ich? Klar, oder? Dornröschen! Ich fragte ihn, ob er keinen Kopfschmerz habe. „Doch, doch”, sprach er und kicherte erfreut. „Headake!”, stolz wie Bolle, dass er das Wort kannte. „You know, I drank a little last night”. „Ach nee, sag an”. Ein kleines bisschen hat er getrunken, welch feiste Lüge. „Do you want a drink?” Ob ich WAS will?

Ich verstand erst nicht, er konnte mir doch nicht ernsthaft einen Drink anbieten. Dann sah ich auf den Tisch an dem er saß. Vor ihm ein Teller mit Pflaumen und eine Flasche Vodka. Nein! Ich war fassungslos. „Nein danke, auf keinen Fall” So was hab ich auch noch nicht erlebt. Diese Motivation, diese Hingabe beim Versuch sich zugrunde zu richten. Hut ab, Dornröschen, mach weiter so, das schaffst Du. Ich ließ ihn mit seinem Luis Steindl kurzmantel in der Küche sitzen und setzte mich in den Aufenthaltsraum.

Kurz später wurde er vom Personal gebeten, doch nicht um halb elf Uhr früh schon so viel zu trinken. Er gehorchte. Man kann ja sagen was man will, aber Dornröschen ist kein Hooligan. Als ich ihn zuletzt sah, lag er wieder angezogen und mit Schuhen in seinem Bett und schnarchte vor sich hin.

Aber Peer lässt sich nicht unterkriegen, er hält dagegen. Als einer der sechs Orchestermitglieder der Nacht hat er den Part der rachitischen Oboe übernommen, während Dornröschen zweistimmig den Dudelsack und die spasmische Rassel mit Inbrunst betreibt.
In der Ecke liegt Balu der Bär, eine Hand hinter dem Kopf, die andere im Schritt und stöhnt den Breakbeat.

… das erinnert mich doch an die Nacht im Hostel in New York als ein sturzbetrunkener Engländer vergessen hatte, in welcher Ecke das Klo war und auf die inbrünstig vorgetragene Frage “What the F.. are you doing!?!?” mit Seelenruhe antwortete “Hey I am just taking a Piss!!” Ich lag in den Doppelstockbetten zum Glück in der oberen Etage und Schnarcher waren auch dabei. Die Welt ist doch überall gleich.

Urlaub in Moskau

Es schien, als wären sie eher die Nacht lang im Aufenthaltsraum im Kreise gegangen, als Dornröschen mal anzusprechen. Hier möchte ich nicht besoffen im Straßengraben liegen. Oder in einer Hosteltoilette. Es könnte das Ende bedeuten, denn Hilfe scheine ich nicht erwarten zu können.

Die Zeit, bis wir zu Bett gingen, dehnten wir noch etwas aus, denn es war klar, dass die Nacht Unheil bringen würde. Erst lange nach Mitternacht gingen wir ins Bett. Es ist schwer in Worte zu fassen, was in dieser Nacht in unserem Schlafsaal geschah. Ein Konzert? Ein Wettstreit? Eher eine Art Orchester.

Ich lag in meinem Bett, zählte die Schnarchgeräusche, die ich voneinander unterscheiden konnte und kam leicht auf vier. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich sechs unterscheiden. Ich holte mein Diktiergerät und zeichnete das auf. Wofür auch immer. Damit man mir glaubt, damit ich es nicht vergesse, ich weiß es selber nicht. Meine Ohropax, bisher treue Freunde, versagten kläglich. Und dann wachte Dornröschen wieder auf.

Warum stoße ich mir des nächstens eigentlich die Zehen beim Versuch ohne Licht die Toilette zu finden, damit meine Mitbewohner nicht aufwachen? Aufstehen, Licht an, aufs Klo, fertig. Natürlich ohne das Licht im Schlafraum zu löschen, wenn man auf der Schüssel hockt. Bzw. davor mit Higmoor damenschuhe steht, dem Geräusch nach zu urteilen.

Ich ließ meine Höflichkeit hinter mir uns raunzte ihn an, dass er gefälligst das Licht ausmachen solle. Er grummelte irgend etwas vor sich hin, gehorchte aber brav. Dafür rempelte er alles auf dem Weg zurück in sein Bett an, welches am gegenüber liegenden Ende des Zimmers lag. Da das aber keinen zu stören schien, das Orchester ging auch mit einem Instrument weniger unvermittelt und harmonisch weiter, sollte es mir recht sein.

Irgendwann schlief ich. Es muss gegen fünf gewesen sein. Um acht Uhr früh klingelte ein Wecker. Lange. Lange und nervig, mit einer sehr einprägsamen Melodie. Ich zog mir die Decke über den Kopf und stieß leise Verwünschungen aus. Als um zehn Uhr früh derselbe Wecker wieder schellte, war für mich die Nacht um. Gar nicht mal so sehr wegen des elektronischen Lärms, sondern wegen des darauffolgenden Gesprächs in akustisch völlig befreitem Russisch.

Kein Hauch von Zurückhaltung oder gar Flüstern. Von wegen Wecker, erkannte ich, das war ein Handy! Zog die Decke weg, setzte mich auf und sah: Dornröschen saß in den selben Klamotten wie am Abend zuvor, die Hose züchtig mit Gürtel um die Hüfte gesichert, auf seinem Bett und telefonierte. Ich stieg aus dem Bett, stellte mich vor ihn hin und bekam meine Wut nur schwer unter Kontrolle. „Alter!”, läutete ich meine Argumentation ein.

Übernachten im Moskauer Hostel

Es begab sich an einem Dienstag Abend, gegen sieben Uhr, im Moskauer Hostel. Wir saßen im Aufenthaltsraum und aßen Brot mit Fischkonserven, dazu ein wenig Obst und Tee. Auf einmal stand ein angetrunken wirkender Russe vor uns, nicht billig gekleidet, sympathisch wirkend, etwa Anfang Vierzig. Er redete mit uns, während er schwankte. Wir erklärten ihm, dass wir seiner Sprache nicht mächtig seien, da wechselte er auf gebrochenes Englisch und fragte uns, wo wir denn den Fisch her hätten.

Die Antwort, dass wir ihn im naheliegenden Supermarkt die xxx käuflich erstanden hätten, schien jedoch nicht die von ihm erhoffte zu sein. Er wechselte wieder auf Russisch, deutete auf die Hosteltheke, neben der wir saßen, die lediglich Schokoriegel anbot und zog murrend von dannen. Hätte sich dieser Mann später nicht als unser neuer Mitbewohner herausgestellt, die Geschichte wäre hiermit denkbar unspektakulär zu Ende gegangen. Lange bevor sie begann. Doch er war unser Mitbewohner. Die Geschichte ging weiter. Und wie.

Einige Stunden später, es war etwa elf Uhr nachts mit mandarina duck business trolley, verspürte ich den Drang, die sanitären Anlagen unserer Unterkunft aufzusuchen. Es stellte sich als recht beschwerlich heraus. Wir sind nun seit fünf Nächten in diesem Hostel und noch nie war hier so viel Betrieb. Ich zählte alleine drei Männer, die auf die Toilette des Aufenthaltsraums zu warten scheinen, denn sie liefen in relativ kleinen Kreisen sinnierend vor sich her. Also ging ich auf unser Zimmer. Doch das WC dort war auch besetzt.

Auf gewisse Weise. Besetzt ist nicht das richtige Wort. Belegt passt eher. Eingerollt wie ein Embryo lag dort ein Mann. Den Rücken zur Tür gewandt, die Füße hinter die Kloschüssel gedreht, den Kopf vor der Duschkabine auf die Hände gebettet. Schnarchend. Hin und wieder schmatzend. Mit heruntergelassenen Hosen in einer Pfütze liegend, die ich mir nicht genauer ansehen wollte.

Aus den deutlichen Abdrücken auf seinen Oberschenkeln schloss ich, dass er eine ganze Weile auf der Schüssel gesessen haben musste, bevor er es sich gemütlich gemacht hat. Und es dort, wo er sich nun befand, so lauschig war, dass er da gar nicht mehr weg wollte. Er war nicht zu aktivieren. Reden, anstupsen, nichts half.

Also was sollte ich tun? Der Regel „Eigenschutz vor Fremdnutz” folgend, kümmerte ich mich zuerst einmal um mich. Das Örtchen im Aufenthaltsraum war frei, so dass ich wenigstens dieses Problem erledigen konnte. Dass die drei Männer dort immer noch sinnierend herumliefen wunderte mich etwas, aber vielleicht warteten sie ja auf Jemanden. Auf wen, sollte ich wenig später herausfinden.