Metropole Moskau

Arm und Reich sind hier am dichtesten bei einander. Wer etwa das Paris der Szenegänger und Touristen verlässt, wird in den Banlieus ähnliche Bilder sehen. Gleiches gilt für die Vororte Roms oder Madrids sowie das New York außerhalb der glitzernden Insel Manhattan.

Es sind stets die gleichen Phänomene: Hier die Scheinwelt mit Uta Raasch blazer für den einheimischen Geldadel und Touristen, dort der graue Alltag der Normalbevölkerung. Im Gegensatz zu anderen Großstädten empfand ich die öffentlich zur Schau gestellte Armut und das Elend noch als vergleichsweise harmlos (ganz im Gegensatz zum zur Schau gestellten Reichtum!).

MAn wird nicht von aggressiven Bettlern behelligt, die Betrunkenen liegen hier nicht in viel größerer Stückzahl herum als in anderen Weltstädten, wir sahen keine marodierenden Jugendbanden, fanden auch nicht die örtliche Junkie-Szene und die gesamte Atmosphäre auf den Straßen und in den Metros ist weniger hektisch als andernorts. Was allerdings auffällt, ist, dass man aus dem Moskauer Zentrum nicht erst in die Randbezirke herausfahren muss, um einen ersten Eindruck vom Elend zu gewinnen.

Dennoch ist Moskau recht sauber. Alle paar Meter findet man einen Mülleimer. Und dazwischen sieht man immer wieder Straßenkehrer. Das allein ist noch kein Alleinstellungsmerkmal, doch die Besonderheit ist, dass die Mülleimer auch genutzt werden. Zum Teil allerdings auch als Aschenbecher, weshalb man es hier und da aus den steinernen Behältern ordentlich qualmen sieht.

Die Sicherheitskräfte, die zumindest im Zentrum ungemein präsent sind, sehen zwar martialisch aus, tragen aber außer einem Knüppel keine sichtbaren Waffen. So etwas kennt man höchstens noch aus London. Und auch wenn die muskelbewehrten Stiernacken in ihrem Drillich einschüchternd wirken mögen, so fühle ich mich doch wohler beim Blick in ein grimmiges, kantiges Gesicht, als bei dem in die Mündung einer Maschinenpistole.

Eine von Stalins sieben Schwestern. Aber auch in Moskau sind es tatsächlich die wenigsten, die sich in (echte) Pelze hüllen und in ihren Porsche steigen, so dass es kaum verwunderlich ist, dass viele Moskauer dem alten System hinterher trauern. Damals war eben alles besser. Und da man sich in Russland nie so recht von seiner politischen Vergangenheit losgesagt hat, ist man auch allenthalben Lenins gestrengen Blicken ausgesetzt. Zahlreiche Fassaden zieren immer noch Hammer und Sichel und beinahe an jeder Ecke lachen einen die Standbilder alter Sowjethelden an.

Nein, um ehrlich zu sein lachen die wenigsten von ihnen. Doch sie sind die stummen Zeugen einer weltpolitischen Epoche. Und sie sind nicht die einzigen. Ob das ehemalige KGB-Gebäude, Stalins sieben Schwestern oder all die anderen gleichförmigen Bauten – sie alle entführen einen in längst vergangene Tage. Sie lassen Geschichte lebendig werden.